veröffentlicht am: 1.07.2004 von admin

Studium bald nur noch für Akademikerkinder?

Das wichtigste Ergebnis der jetzt vorgelegten 17. Erhebung des Deutschen Studentenwerks (DSW) zur sozialen Lage der Studierenden ist, dass Hochschulbildung zunehmend eine Angelegenheit für Kinder aus gehobenen und hohen Herkunftsfamilien wird. Studierende aus der niedrigsten sozialen Herkunftsgruppe sind an der Hochschule deutlich unterrepräsentiert. Dies gilt zunehmend auch für die Mittelschicht. Die benachteiligten Gruppen müssen tendenziell länger studieren und mehr Zeit für eine Erwerbstätigkeit aufwenden. Sie sind wesentlich unsicherer hinsichtlich ihres Lebensunterhaltes und haben in Kombination mit weniger Praxisnähe und weniger Auslandsaufenthalten vermutlich auch schlechtere Karrierechancen.
Von 100 Kindern, deren Väter der Herkunftsgruppe “niedrig” zugeordnet wurden, nahm im Jahr 2000 etwa jedes zehnte ein Hochschulstudium auf, bei Kindern der Herkunftsgruppe “hoch” – unter ihnen viele Akademikerkinder – waren es 81%. Das führt dazu, dass im Jahr 2003 Jugendliche aus niedriger Schicht nur 12% der Studierenden ausmachten, obwohl sie in ihrer Altersgruppe einen Anteil von rund 50% der Bevölkerung ausmachen. Umgekehrt beträgt der Anteil der Jugendlichen aus der höchsten Schicht in ihrer Altersgruppe nur 13%, ihr Anteil an den Studierenden aber 37%. “Das ist das Gegenteil von Chancengleichheit”, so Reginald Rüter, Geschäftsführer des Studentenwerks OstNiedersachsen, “zumal die Jugendlichen aus der Herkunftsgruppe “hoch” die anderen Gruppen seit 1997 kontinuierlich zurückdrängen.” Ihr Anteil hat sich in den vergangenen 20 Jahren mehr als verdoppelt, wobei dieser Trend an Universitäten deutlich stärker ausgeprägt ist als an Fachhochschulen. Es bestätigen sich hier die Befunde der PISA-Studie, die für den Schulbereich dokumentiert hatte, dass der Einfluss des elterlichen Sozialstatus auf den Bildungserfolg ihrer Kinder in Deutschland größer ist als in allen anderen beteiligten Ländern.
Auch mit Blick auf die Langzeitstudiengebühren weist die Studie interessante Ergebnisse auf. Wenn man die Gruppe der Studierende betrachtet, die sich seit mindestens 13 Semestern im Erststudium befinden, erkennt man, dass hier die Studierenden der obersten Herkunftsgruppen unterdurchschnittlich vertreten sind, während der Anteil der Studierenden mit niedriger Herkunft deutlich steigt. Gleichzeitig müssen letztere mit fortschreitender Dauer des Studiums immer mehr Arbeiten, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, während Studierende aus der hohen Herkunftsgruppe ihre eher gelegentlich ausgeübte Erwerbstätigkeit, für die sie als Hauptmotivation Konsum angeben, zurückfahren können, um ihr Studium schneller abzuschließen. Langzeitstudiengebühren hätten folglich, so Rüter, nur bei Studierenden aus den oberen Gesellschaftsgruppen einen positiven Effekt, bei Studierenden, die viel arbeiten, verlängerten sie das Studium eher noch.
Das monatliche Durchschnittseinkommen eines Studierenden beträgt 767 Euro, wobei es erhebliche Unterschiede gibt. Rund ein Viertel der Studierenden verfügt über weniger als 600 Euro monatlich. Der weitaus größte Teil der Studierenden (89%) wird vom Elternhaus finanziell unterstützt, mit eigenem Verdienst aus Tätigkeiten neben dem Studium bestreiten 63% Teile ihrer Lebenshaltungskosten. Der Anteil, mit dem die Eltern zu den monatlichen Einnahmen beitragen, steigt mit der sozialen Herkunft, der Anteil, den der eigene Verdienst ausmacht fällt entsprechend. Während 74 % der Studierenden der oberen Herkunftsgruppe davon ausgehen, dass die Finanzierung ihres Lebensunterhalts während des Studiums sichergestellt ist, tun dies nur 46 % der Studierenden der unteren Herkunftsgruppe.
Von den Studierenden, deren monatliche Einnahmen bis 600 Euro beträgt, werden im Durchschnitt 38,2 % der Einnahmen für Miete und Nebenkosten aufgewendet. Bei 600 Euro verbleiben somit 370 Euro für alle weiteren Ausgaben. Dazu Rüter: “Wenn man diese Zahlen kennt, kann man die geplanten Studiengebühren in Höhe von 500 Euro pro Semester noch einmal ganz anders ins Verhältnis setzen. Diese Summe ist kein Pappenstiel.”
Auch für die Zeit nach dem Studium werden frühzeitig wichtige Weichen gestellt. So haben Studierende aus niedriger Schicht wesentlich häufiger Jobs, die wenig oder gar nichts mit ihrem Studium zu tun haben. Und nur 20% von ihnen gehen im Zusammenhang mit ihrem Studium ins Ausland. In der höchsten Herkunftsgruppe sind es 38%.
Angesichts dieser Ergebnisse äußert sich Rüter in Bezug auf die geplante Einführung von Studiengebühren skeptisch: “Bei einer zusätzlichen Belastung der Studierenden, die ohnehin schlechtere Chancen haben, mit 500 Euro pro Semester werden es sich viele überlegen, ob sie das Risiko Studium eingehen, zumal in Deutschland anders als in den meisten anderen Ländern die relativ attraktive berufliche Ausbildung als Alternative zur Verfügung steht. Und ein Stipendiensystem, das die genannten Nachteile ausgleichen kann, ist nicht finanzierbar.”

Die 17. Sozialerhebung wurde im Auftrag des Deutschen Studentenwerks (DSW) vom HIS Hochschul-Informations-System durchgeführt und mit Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert und veröffentlicht. Die Sozialerhebung wird seit rund 50 Jahren im dreijährigen Abstand durchgeführt und bildet die soziale und wirtschaftliche Lage der Studierenden in Deutschland ab. Die Ergebnisse dieser Sozialerhebung basieren auf den Daten von umfangreichen Fragebögen die von fast 21.400 Studierender ausgefüllt wurden. Nähere Informationen unter www.sozialerhebung.de