veröffentlicht am: 27.09.2005 von admin

Fernsehen wichtiger als Studieren

Seit Montag gibt es eine klare Aussage des Niedersächsischen Wissenschaftsministers Lutz Stratmann: BAföG-Empfänger sollen – so wie alle anderen Studierenden auch – ab dem Wintersemester 2006/07 Studiengebühren zahlen. Dies äußerte der Minister in einem Interview mit dem Weser-Kurier.
Das Studentenwerk OstNiedersachsen sieht darin einen Widerspruch zu der bisherigen Linie der Landesregierung, dass Studiengebühren nur sozialverträglich eingeführt werden sollen. Die jetzt geplante Regelung hätte zur Folge, dass von BAföG-Empfängern, den sozial schwächsten Studierenden, verlangt würde, sich noch stärker zu verschulden. Sie erhalten dann einerseits vom Staat einen Zuschuss zu den Lebenshaltungskosten und sollen andererseits den Staat entlasten, indem sie Gebühren an die Hochschulen zahlen. Zukünftig wären BAföG-Empfänger dann zwar von der GEZ-Gebühr befreit, nicht aber von der Studiengebühr. Provokant könnte man formulieren: Fernsehen scheint wichtiger zu sein als Studieren.
Schon heute sind Studierende aus einem niedrigeren sozialen Herkunftsmilieu an den Hochschulen deutlich unterrepräsentiert. Unterteilt man Oberstufenschüler in vier soziale Schichten, nehmen 95% aus der höchsten Schicht, aber nur 31% aus der niedrigsten Schicht ein Studium auf. Hauptgrund für diesen Unterschied sind finanzielle Bedenken oder ganz konkret die Angst vor einer Verschuldung, denn ein Studium ist nicht billig. Im Laufe von zehn Semestern kommen durchschnittlich 44.000 Euro Lebenshaltungskosten zusammen.
Im Studentenwerk rechnet man im Zuge der Einführung von Studiengebühren mit sinkenden Studierendenzahlen. Wenn der Preis für eine Leistung wesentlich erhöht wird, sinkt in der Regel die Nachfrage. Nun befürchtet das Studentenwerk eine zusätzliche soziale Auslese. Bereits in den vergangenen zwanzig Jahren hat sich an den Hochschulen der Anteil der Studierenden, die aus der höchsten sozialen Schicht stammen, auf 37% mehr als verdoppelt. Sie stellen inzwischen die größte Gruppe. Der Anteil der Studierenden, die aus der niedrigsten sozialen Schicht stammen hat sich im Gegensatz dazu auf 12% halbiert. Heute haben mehr als 16% der Studierenden im Zuständigkeitsbereich des Studentenwerks das Gefühl, ihre Eltern finanziell zu überfordern, 13% beantragen trotz eines eventuellen Anspruchs kein BAföG, weil sie keine Schulden machen wollen. Und obwohl immer wieder darauf hingewiesen wird, dass ein Studium die späteren Berufsaussichten verbessere, gibt es eine tiefe Unsicherheit bei den Studierenden. Das macht sich zunehmend auch in den Psychotherapeutischen Beratungsstellen des Studentenwerks bemerkbar.
Angesichts dieser Zahlen und Erfahrungen wird die vom Minister als soziale Komponente hervorgehobene Möglichkeit, zur Finanzierung der Studiengebühren einen verzinslichen Kredit aufnehmen zu dürfen, kaum eine Entlastung bringen. Es ist zu befürchten, dass Studierende aus niedrigem sozialem Herkunftsmilieu verstärkt auf eine berufliche Ausbildung ausweichen. Das dürfte dann wiederum Auswirkungen auf die Chancen von Real- und Hauptschulabsolventen haben. Und dies alles zu einer Zeit, in der Deutschland nach allen Studien und Prognosen zukünftig mehr Akademiker brauchen wird als heute.